• Thesen für Leaders

    Reflektieren. Korrigieren. Auf Kurs bleiben.

Als Führungskräfte sind wir mit hoher Schlagzahl unterwegs. Was wir deshalb immer wieder brauchen, sind Impulse, anhand derer wir uns reflektieren und neu ausrichten können. Deshalb hier 12 Thesen für Leaders. Einfach mal in den Raum gestellt – prägnant und auf den Punkt gebracht. Damit wir auf Kurs bleiben!

von Johannes Grassl

1. Alles, was dich unter Druck bringt, ist letztendlich zerstörerisch!

Mein Mentor in Afrika sagte mir einmal: „Johannes, alles was dich unter Druck bringt, ist letztendlich zerstörerisch!“ Darüber musste ich nachdenken! Was bringt mich unter Druck? Endlose To Do-Listen, Erwartungen anderer Leute, bestimmte Prägungen und Lebenssätze, selbstauferlegter Druck, etc… Während Druck manchmal hilfreich sein kann (z.B. bei Projekten mit Deadlines oder im Sport) ist er tatsächlich ganz oft zerstörerisch – und kontraproduktiv, weil er unsere Leistungsfreude mindert. Der Theologe und Ethiker Helmut Thielicke spricht von zwei Kraftfeldern, aus denen wir wahlweise leben – dem Kraftfeld des Todes oder dem Kraftfeld des Lebens. Falscher Druck bringt mich in das Kraftfeld des Todes. Will ich aus diesem Kraftfeld leben? Oder trete ich immer wieder bewusst aus falschem Druck heraus und in das Kraftfeld des Lebens, d.h. der Freude, Entspannung und Souveränität, hinein? Die Entscheidung liegt bei mir!

2. Wir sind nicht in einen Job berufen, sondern in Beziehungen!

Führungskräfte führen Menschen, das heißt sie investieren vor allem in Beziehungen. Führen heißt vorangehen, vormachen, fördern und fordern, Schneisen schlagen, einen Weg ebnen, Dienstleister seiner Mitarbeiter sein. Wir definieren uns viel zu sehr über das, WAS wir tun – den Job, Zahlen, Resultate – anstatt über das WARUM nachzudenken. Etwas provokanter: Der Mensch ist wichtiger als das Ergebnis! Frei nach Dr. Siegfried Buchholz: Wenn ich Menschen nicht liebe, kann ich sie auch nicht führen!

3. Unser Platz ist im Chaos!

Schwierige Umstände, totale Unordnung, Konflikte der Normalfall? Hier sind wir richtig! Unsere Aufgabe ist es, Ordnung und Struktur in das Durcheinander und die Verwirrung zu bringen. Schon im Schöpfungsbericht der Bibel heißt es, dass Gott Ordnung in das Chaos brachte. Dieses Privileg dürfen wir in Anspruch nehmen. Wir sollen „Salz und Licht“ sein. Wo ist das sinnvoller als bei Durcheinander und im Nebel? Wo sich andere wegducken, nehmen wir Position ein – und sorgen für Orientierung und positive Veränderung.

4. Exzellenz statt Perfektion!

Perfektion erlaubt keine Fehler, sie setzt unerreichbare Maßstäbe und bringt uns damit unter Druck (siehe oben). Exzellenz heißt, ich gebe mein Bestes, ich strebe nach maximaler Qualität, ich bin nicht mit Durchschnitt zufrieden – aber in einem befreienden und wohlwollenden Sinn. Mit anderen Worten: Perfektion bedeutet „Leben aus Leistung – ich genüge nicht“, Exzellenz dagegen ist „Leben aus Gnade – es ist gut“. Dazu kommt eine weitere Dimension: Von Daniel – hochrangiger Berater der damaligen Supermächte Babylon und Persien – heißt es, er hatte den „Geist der Exzellenz“. Um diesen Geist können wir Gott bitten – er ist ein Geschenk!

5. Risiko statt Sicherheit!

Der Löwe ist im Käfig sicher – wirklich lebendig ist er nur in freier Wildbahn. Gleiches gilt für uns. Wahres Leben hat mit Risiko und Hingabe zu tun, weniger mit Sicherheit und Anpassung. Was macht mich lebendig? Wofür schlägt mein Herz? Wie mache ich einen Unterschied in dieser Welt? Antworten auf diese Fragen sind oft riskant – und haben mit Leidenschaft zu tun. Genau dafür sind wir gemacht. Daniel Taylor sagt: Sicherheit können wir nie erreichen – Sinn schon! Sinn kommt aus unserer Beziehung zu Gott und basiert nicht auf Sicherheit und Anpassung, sondern auf Risiko und Hingabe!

6. Wer für Geld arbeitet, hat Leben nicht verstanden!

Für Geld arbeiten bedeutet, ich tausche Leben gegen Kohle – das ist ein schlechter Deal! Es geht um viel mehr. Leben hat damit zu tun, sich in etwas Größeres zu investieren: In eine Idee, die begeistert. Wirklich erfolgreiche Menschen arbeiten nie für Geld – sie geben sich hin für eine Sache und der Verdienst ist dann eine Folge davon. Was ist die Idee, für die du lebst? Was ist dein „Warum“?

7. Integrität ist: Sich selbst ernst nehmen!

Immer wieder werde ich von Führungskräften mit der Frage konfrontiert, wie sie in einem schwierigen Business-Umfeld integer leben können. Vielleicht hat der Chef einen herausfordernden Führungsstil, passt die Geschäftspolitik nicht mit den persönlichen Werten zusammen, kollidieren Prioritäten etc. Integrität beginnt damit, sich selbst ernst zu nehmen. Das heißt: ich darf, kann und sollte für mich klären, ob ich in meiner Position richtig bin – trotz oder gerade wegen schwieriger Umstände. Will ich in diesem Spannungsfeld arbeiten und kann ich die Wirkung erzielen, die ich mir wünsche? Wenn ja: Dann nehme ich in meinem Verantwortungsbereich positiv Einfluss. Ich bin nicht für die Milchstraße verantwortlich, sondern für meinen Bereich. Und dafür, mit meinem Unbehagen richtig umzugehen. Das macht uns freier von äußeren Faktoren und bringt das Heft des Handelns zurück in unsere Hand.

8. Der Weg nach oben führt nach unten!

Es war kurz vor unserer Entscheidung, für einige Zeit nach Namibia zu gehen. Unser dortiger Gastgeber und Mentor schickte mir ein Dokument, das ich unterzeichnen sollte. Ich sollte mich verpflichten, FAST zu sein. Jeder Buchstabe stand für eine Eigenschaft. F für faithful (loyal), A für available (verfügbar), S für submissive (gehorsam), und T für teachable (lernbereit). Ich unterschrieb. Während wir dann in Afrika lebten und arbeiteten, lernte ich, was das bedeutet. Und welche Vorteile daraus erwachsen. Ich habe viel gelernt und konnte manch schwierige Phase und Konfliktsituation meistern, weil ich zu meiner Verpflichtung stand, die ich mit diesem Dokument eingegangen bin – obwohl es oft überhaupt nicht leicht war. Im Rückblick erkenne ich den großen Nutzen, den ich gewonnen habe. Und weiß, dass viele Schritte in meiner weiteren Entwicklung darauf aufbauen, dass ich damals loyal geblieben bin und mich untergeordnet habe. Der Weg nach oben führt nach unten. Wir stehen zu unserem Wort, stellen uns den Herausforderungen, demütigen uns – und entwickeln dadurch wahre Stärke.

9. Wer sich von der Gruppe trennt, wird gefressen!

Man kann das in Afrika`s Savannen immer wieder gut beobachten: sobald sich ein Tier von der Herde löst, wird es leichte Beute. Die Abstürze zahlreicher Superstars in Wirtschaft und Gesellschaft haben in der Regel eines gemeinsam: Führungskräfte waren auf sich allein gestellt und hatten keinen inneren Kreis, kein Support-Team, dem sie sich in einem geschützten und wohlwollenden Rahmen anvertrauen konnten oder wollten. Wir sind keine einsamen Cowboys, sondern brauchen Freunde, Mentoren und Weggefährten, die mit uns unterwegs sind. Bill George, Harvard-Professor und erfolgreicher CEO von Medtronic, nennt einen Schlüssel für nachhaltigen Erfolg in seinem Leben: Seit 40 Jahren trifft er sich regelmäßig mit einer kleinen Gruppe von Freunden, um auszutauschen, sich gegenseitig zu ermutigen und – wenn nötig – zu korrigieren. Wer sind meine wahren Freunde? Wem gebe ich Rechenschaft? Wo kann ich auftanken?

10. Weiche nie von deinen Werten ab!

Wie schaffe ich es, nicht im Gefängnis zu landen? Wie verhindere ich, dass ich meinem Partner untreu werde? Wie stelle ich sicher, nicht irgendwann Selbstmord zu begehen? Die Antwort ist einfach, aber nicht leicht: Keine Kompromisse! Integrität bedeutet „Treue zu sich selbst“. Es ist leichter, sich zu 100% an seine Prinzipien zu halten als zu 98%! Wenn man sich „Nur ein einziges Mal“ verführen lässt, wird das Leben zu einer Kette von „Nur ein einziges Mal…“. Wir driften in den Graubereich und stehen mit einem Fuß über dem Abgrund. Dem können wir vorbeugen. Wir sollten unsere persönlichen Werte, Prinzipien und Prioritäten klären – und sie dann mit klarer Linie leben. Was sind meine unverhandelbaren Prinzipien? Wo bin ich gefährdet und wie kann ich ein persönliches Frühwarnsystem installieren (Freunde, Mentor, Rechenschaft)?

11. Charisma ohne Charakter ist gefährlich!

Charisma zieht Leute an, Charakter hält sie. Als Führungskräfte brauchen wir nicht primär Charisma, sondern vor allem Charakter. Persönlichkeiten mit Profil sind gefragt. Das hat mit Echtheit, Glaubwürdigkeit, Wahrheit und Zuverlässigkeit zu tun. Und damit, anderen zu dienen. Es geht nicht primär um mich, sondern ich bin da, um andere zu stärken, zu befähigen, ihnen Freiraum geben und zu helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen. Warren Bennis sagt: Führung ist Charakter – und geht viel tiefer als nur die oberflächliche Frage, wie wir führen…!

12. Unsere wichtigste Karriere: Ehe und Familie!

Als leistungsorientierte Menschen investieren wir vor allem in Aktivitäten, die möglichst greifbare Resultate bringen. Wir stürzen uns in den Job, in Projekte, Präsentationen, Abarbeiten von ToDo’s, Sport, etc. Unsere wichtigsten Beziehungen – Ehepartner und Kinder – kommen dabei oft zu kurz. Nicht selten mit irreparablen Schäden. Wir glauben, wenn wir im Beruf erfolgreich sind und das Geld nach Hause bringen, haben wir unseren Beitrag geleistet – ein Trugschluss! Mit wie vielen Führungskräften habe ich zu tun, die das im Rückblick bereuen! Ein Freund – früher erfolgreich tätig in großen Entwicklungshilfe-Projekten – schreibt: Vor Kurzem wurde ich gefragt, was ich anders machen würde, wenn ich mein Leben wiederholen könnte. Ich musste kurz nachdenken. Dann aber war meine Antwort eindeutig: Ich würde weitaus weniger Wert legen auf den Erfolg – dafür umso mehr auf die Liebe zu meiner Frau und meinen Kindern… Gott ist ein Gott der Liebe, das heißt der Beziehung. Wie kommt es dann, dass wir so oft einen ganz anderen Fokus haben? Wie kommt es, dass wir vor lauter Bauen und Entwickeln vergessen, wozu wir eigentlich leben? Wenn ich die Menschen, mit denen ich am engsten zusammenlebe, nicht als meine zentrale Berufung begreife – welchen Sinn haben dann all die großen Taten, die ich zu vollbringen glaube?

Johannes Grassl

johannes.grassl@lif.ch

Johannes Grassl (41) hat die ausgetretenen Pfade verlassen. Ursprünglich im Marketing und Vertrieb tätig, ist er heute dabei, sich in Führungskräfte zu investieren. Sein Herz schlägt für Menschen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Als Referent, Berater und Autor sowie Leiter der Leaders‘ Integrity Foundation ist er im ganzen deutschsprachigen Raum unterwegs.