Radikal großzügig sein

Luca Bosatta, Managing Director in der City of London und Mitglied im LIF Leitungsteam, über verantwortungsvollen Umgang mit Geld. Warum wir lernen müssen, radikal großzügig zu sein und wie sich eine Banker-Karriere mit Ehe und Familie vereinbaren lässt.

Herr Bosatta, Sie sind Managing Director in einer Investment Bank. Was führte Sie dorthin?
Mich interessierte immer schon, wie komplexe Probleme in einfache, hilfreiche Beratung umgesetzt werden können. Das Verfolgen dieses Fadens hat mich an den Puls eines Weltfinanzzentrums geführt. Ich begann in einer Schweizer Bank in der Risikoberatung. Unabhängig von Karriere-Überlegungen beschloss ich, mit meiner Familie nach England zu ziehen. Dort bewarb ich mich bei einer Investmentbank und fand mich in einer ganz neuen Welt: die ganze Dynamik, die Größe, der Druck, die Kultur, in der es sehr viel um Geld und Karriere geht; ein hartes, kapitalistisches Geschäftsumfeld.

Wurde da für Sie der große Traum von Reichtum und Anerkennung erfüllt?
Diesen Traum hatte ich nie. Aber die Versuchung von großem Reichtum und Anerkennung ist täglich präsent. Ich muss sehr vorsichtig sein, dass diese ständige Herausforderung weder das Leben noch das Geschäft zerstört.

Die Versuchung von großem Reichtum und Anerkennung ist täglich präsent. Ich muss sehr vorsichtig sein, dass diese ständige Herausforderung weder das Leben noch das Geschäft zerstört.

Neid wird in den Zehn Geboten verurteilt. Bestimmt erlebten Sie Neid im beruflichen Umfeld …
Auch das ist sehr präsent, fast täglich in irgendeiner Form. Wir vergleichen uns laufend mit anderen. Eigentlich könnte ich die Haltung einnehmen: Ich stehe zurück und betrachte dankbar, was ich habe. Aber das ständige Vergleichen ist das Problem. Mein Rang, mein Bonus, mein Ansehen im Vergleich zu seinem. Das beginnt bei einfachen Dingen: Warum wird ein anderer bei einem Thema mit einbezogen, aber ich nicht? Warum wird der gefragt, nicht ich? In einem mit Adrenalin und Geld so hoch geladenen Umfeld wirkt die-ses Vergleichen wie ein Verstärker, als Auslöser für Konflikte oder Aggressionen, für Ängste und Neid. Das ist keineswegs nur ein Thema bei Investmentbanken.

Wie nehmen Sie persönlich Ihre Verantwortung im Umgang mit Geld wahr?
Das ist vor allem eine Frage der Loslösung. Ich bin Verwalter, das Geld gehört nicht mir. Auch wenn ich es ‘verdient’ habe, wurde es mir an- vertraut, damit ich damit richtig umgehe. Dabei ist Großzügigkeit sehr wichtig. Gott ist unser Schöpfer und sehr großzügig mit uns, gar ver- schwenderisch. Meine Frau und ich geben viel an andere weiter, eigentlich so viel wir können, nicht nach einem Prozentsatz, sondern nach un- seren Herzen.

Vor einiger Zeit war ich zwei Jahre lang selbstständig im Aufbau eines Projekts und ohne Einkommen. Wir konnten diese Zeit aus unserem Erspar- ten finanzieren. In dieser Phase haben wir entschieden, gleich viel zu geben wie in den Jahren zuvor mit geregeltem Einkommen. Wir sind zutiefst überzeugt, dass alles, was wir haben, da ist, um erneuert und investiert zu werden. Es geht nicht darum, etwas zu behalten. Das mag verrückt erscheinen, aber unser Prinzip ist, dass wir dies im Vertrauen wagen, dass Gott Ressourcen erneuern wird. Geben ist ein Segen und schöner als nehmen! Wir müssen radikal lernen, großzügig zu sein. Auch unsere Kinder wissen Bescheid darüber, was wir geben. Wir haben sie von klein auf ermutigt, von ihrem Taschengeld etwas weiterzugeben.

Wir sind zutiefst überzeugt, dass alles, was wir haben, da ist, um erneuert und investiert zu werden. Wir müssen radikal lernen, großzügig zu sein.

Was ist Ihnen persönlich noch wichtig zum Thema ‘verantwortungsvoller Umgang mit Geld’?
Noch nie lag der Fokus so auf Absicherung und Vorsorge wie in unserer derzeitigen Gesellschaft. Aber eine volle Absicherung für die Zukunft ist nicht möglich. Und Gott sind Beziehungen wichtiger als Finanzverträge. Bei ihm stehen Bewegung und Veränderung (Transformation) im Zentrum – nicht Stagnation und Absicherung. Eine gewisse Leichtigkeit / Einfachheit im Leben ist wichtiger als die Bürde, die mit dem Eliminieren des Unbekannten einhergeht.

Gott sind Beziehungen wichtiger als Finanzverträge. Bei ihm stehen Bewegung und Veränderung (Transformation) im Zentrum – nicht Stagnation und Absicherung.

Sie fördern Unternehmer in Armenien und Georgien. Wie kamen Sie dazu?
Ich hatte schon immer eine Affinität zu Osteuropa. In Armenien und Georgien haben Freunde eine ‘Leadership School’ gegründet. Diese ‘local heroes’ inspirieren mich sehr. Die Frage der Verantwortung bewegt mich – uns wurde viel gegeben, und ich will teilen, weitergeben, so gut ich kann. Darum setze ich mich mit Partnern in Großbritannien dafür ein, dass durch kommerzielle Investments in gute Unternehmen die Armut ge- lindert wird. Einige Male pro Jahr bin ich persönlich vor Ort. Es fühlt sich an wie eine ‘mission impossible’. Es ist nicht einfach, eine Vision zu haben, die über unsere Mittel hinausgeht, und an Hoffnung festzuhalten, wo andere keine haben. Aber uns motiviert die Gewissheit, dass dies zum großen, wunderbaren Programm des Reiches Gottes gehört.

Wirtschaftlich funktionieren Menschen und Unternehmen besser, wenn das Familienleben intakt ist. Entscheidend ist, dass wir uns als Ehepaar über Ansprüche und Lebensphasen im Klaren sind und konkret darüber miteinander reden.

Wie lässt sich eine Banker-Karriere mit Ehe und Familie vereinbaren?
Wirtschaftlich funktionieren Menschen und Unternehmen besser, wenn das Familienleben intakt ist. Die Verantwortung liegt bei mir. Ich kann keine äußeren Umstände verantwortlich machen. Und dieses Leben ist möglich, sonst hätte ich Prioritäten anders setzen und die Karriere aufgeben müssen. Es gibt konkurrierende Interessen. Aber es ist genau meine Aufgabe (nicht einfach ein Dilemma), in solchen Spannungen zu bestehen. Intensive Phasen und Tagesabläufe sind nicht immer gleich. Wichtig ist aber, dass ich nachhaltig und langfristig Durchhaltbares mache. Entscheidend ist, dass wir uns als Ehepaar über Ansprüche und Lebensphasen im Klaren sind und konkret darüber miteinander reden. Auch im Arbeitsumfeld muss ich offen legen, was mir wichtig ist und welche Bedürfnisse ich habe. Ich akzeptiere, dass dies bei Kollegen anders aussieht und dass sich dies auch ändern kann.

Was ist Ihr nächstes Ziel?
Ich denke nicht so. Ich möchte kein Ziel besonders hervorheben. Ich bin auf einem abenteuerlichen Weg, auf dem ich ständig Neues zu lernen habe. Viele kleine Dinge und Fortschritte auf diesem Weg sind wichtiger als das Angekommen sein.

Interview: Andreas Deck / veröffentlicht in reflexionen 3/2013


 

Luca Bosatta

Luca Bosatta wurde 1966 in Italien geboren und studierte Theoretische Physik in Basel. Er ist verheiratet mit Anna Bosatta, hat drei Kin- der und lebt in England. Er hat über 20 Jahre Erfahrung in der Finanzwelt und arbeitet als Managing Director in der Risikoberatung. Er ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft Clear- lySo, die sozialen Unternehmern hilft, Kapital aufzunehmen. Innerhalb der Investment Bank gründete er eine Organisation, die das Zusam- menspiel von Familie und Beruf fördert. Luca Bosatta ist Mitglied im Leitungsteam der Lea- ders Integrity Foundation

 

Interview mit Luca Bosatta als pdf lesen>>>

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar